In meinem bevorzugten Radioprogramm ging es um Bekleidung. Anmoderiert wurde das Feature mit der philosophischen Betrachtung, ob es heutzutage wohl mehr Bekleidungsvorschriften gebe als früher: Schilder in Lokalen beispielsweise, die mit dem Statement „No Shirt, no Service“ den Standpunkt des Unternehmens klar machen. Oder Schulordnungen, die im gegenseitigen Einvernehmen zwischen Schülern, Lehrern und Eltern bauchfreie Tops verbieten. Es mag also sein, dass es mehr Vorschriften gibt, aber die Frage ist doch: Warum wohl? Ganz einfach: Weil es offensichtlich bitter nötig ist. Meinem Vater beispielsweise wäre es nie und unter keinen Umständen in den Sinn gekommen, sich oberkörperfrei oder im Unterhemd in ein Lokal zu setzen oder seinen Wohlstandsbauch auf einer Strandpromenade unbedeckt spazieren zu tragen. Die eigene Nacktheit einem Mitmenschen aufzudrängen fand man früher und finde ich noch heute eine ausgemachte Frechheit. Und wer vergnügt unbekleidet, gerne auch bekifft oder angetrunken, durch Köln hopst und mir das als politische Demonstration verkaufen will, den kann ich einfach nicht für voll nehmen, wie berechtigt seine Ansprüche auch sein mögen. Aber auch bei anderen gesellschaftlichen Anlässen überkommt einen das Schaudern. Ist es nicht ein minimales Zeichen von Respekt, bei Hochzeiten, Kinderkommunionen oder runden Geburtstagen auf Trekkingsandalen zu verzichten? Wann ist das Gespür für anlassbezogene Kleidung verloren gegangen? Als sich die – falsche – Ansicht durchgesetzt hatte, das weisse Sneaker zu wirklich jedem Anlass passen? Oder schon, als Männer und Frauen aufhörten, Hüte zu tragen?